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Rückblick: Karl Marx – Visionär des Kapitalismus und der analytischen Ökonomie (23.05.2017)

Kaum ein Ökonom hat mit seinem Werk eine derart massive politische Bewegung losgetreten. Selbst heute, 150 Jahre nach der Publikation des ersten Bandes seines Hauptwerks (und 134 Jahre nach seinem Tod), ist das Interesse an seinen Ideen ungebrochen. Davon zeugte auch die gut und vor allem von Studierenden besuchte Sky Lounge, wo die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften anlässlich des runden Jubiläums des Marxschen "Kapitals" am 23. Mai 2017 ein kleines Symposium veranstaltete.

In seinem Referat portraitierte Professor Peter Rosner dabei Karl Marx als scharfsinnigen Analytiker kapitalistischer Entwicklung, dessen Fragestellung sich in Umfang und Stoßrichtung deutlich von der heutiger (Mainstream-)ÖkonomIinnen unterschieden habe. Nicht die Bewertung einzelner wirtschaftspolitischer Maßnahmen ("Schwächen Erbschaftssteuern Wachstum ab?", "Reduzieren Schulungsprogramme Arbeitslosigkeit?") sei für Marx von Interesse gewesen. Vielmehr sei es ihm darum gegangen, die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft vorauszusagen: Den Kapitalismus habe Marx nämlich primär als Entwicklungsprogramm begriffen, das die Gesellschaft als Ganzes dem Feudalismus und den einzelnen Menschen aus der "Idiotie des Landlebens [Marx]" entreiße.

Anstatt traditionelle, scheinbar ewig gleiche Produktionstechniken anwenden zu können, zwinge gegenseitige Konkurrenz die KapitalistInnen dazu, ihren Profit in neue, bessere Technologien zu reinvestieren, wenn sie denn ihrem Untergang entgehen wollen. Was zu seinen Lebzeiten von dieser Entwicklung erst in Ansätzen vorhanden war, habe Marx früh vorhergesehen – globale Güterketten und zunehmend machtlose Nationalstaaten.

Interessant war in diesem Kontext die Frage aus dem Publikum, ob denn wirtschaftliche Konkurrenz wirklich so ein guter Motor von Entwicklung sei und ob Innovationen, wie beispielsweise Wikipedia, nicht vielfach anderer, kooperativer Strukturen bedürfen.

Marx, und daran erinnerte vor allem das zweite, von Heinz Kurz gehaltene Referat, hat jedoch nicht nur die Entwicklung der Produktivkräfte im Kapitalismus, sondern auch dessen Schattenseiten beleuchtet: Verelendung (damals wie heute?) breiter Bevölkerungsschichten und zunehmende Instabilität durch sinkende Profitraten. Marx habe, so Kurz, argumentiert, dass durch technischen Fortschritt zunehmend kapitalintensiver produziert werde. Wenn aber Profit nur durch die Ausbeutung von menschlicher Arbeitskraft zustande komme, müsste durch deren sinkende Bedeutung im Produktionsprozess auch die Möglichkeit, Profite zu erzielen sinken. Gegen dieses Marxsche Gesetz vom "tendentiellen Falls der Profitrate" wurden im Laufe der Geschichte viele theoretische Einwände geltend gemacht, welche Heinz Kurz zusammenfasste, um ihnen im Wesentlichen Recht zu geben.

Dennoch sei die Vorstellung von der Ausbeutung von ArbeiterInnen im Kapitalismus keinesfalls überholt. Der angesprochene ständige technologische Wandel im Kapitalismus bringe schließlich auch einen ständigen Wandel der Beschäftigungsverhältnisse – sprich Firmenpleiten und Entlassungen – mit sich. Die Verhandlungsmacht der Entlassenen am Arbeitsmarkt sei daher schwach und ihre Möglichkeit, wie in der Neoklassik behauptet, ihr (unbekanntes!) Grenzprodukt als Entlohnung einzufordern, gering.

Das Grußwort des Vizedekans Nikolaus Hautsch zu Beginn der Veranstaltung könnte jedenfalls auch gut als Fazit und Schlusswort dienen: "Auch heute muss sich jede wirtschaftswissenschaftliche Fakultät mit Karl Marx auseinandersetzen!" Bleibt zu hoffen, dass dies auch in den Lehrveranstaltungen spürbar wird…

Ein Bericht von Wilfried Gschwandtner