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PSP: "faz.net" vom 30.6.2010: Henschelwerk: Kasseler feiern ihre Technikgeschichte

Vor 200 Jahren wurde das Henschelwerk gegründet. Der frühere Familienbetrieb ist immer noch führend in der Lokomotivproduktion.

Made in Kassel: Eine Lokomotive der Baureihe 44 vor dem ehemaligen Henschel-Werk.

Am 28. Juni 1810 wurde in Cassel, das sich damals mit „C“ schrieb, das Unternehmen Henschel gegründet. Wissenschaftler, Nachfolgeunternehmen, das Bali-Programm-Kino, der Hessische Rundfunk, das Henschel-Museum sowie technikbegeisterte und geschichtsinteressierte Bürger nahmen das Jubiläum zum Anlass, bis zum 19. September einen Henschel-Sommer zu organisieren. Dies offenbart die immer noch faszinierende Strahlkraft des Henschelsterns, des Firmenlogos, und die Sehnsucht der Kasseler nach der Identifikation mit der großen Technikgeschichte der Stadt.

Henschel war nach der Annexion Hessens durch Preußen zur größten Lokomotivfabrik auf dem europäischen Kontinent aufgestiegen. Nach der Zergliederung des Unternehmens, die nach dem Ausscheiden der Familie 1957 begann, ist das einstige Henschellokomotivwerk in Kassel – nunmehr unter dem Namen Bombardier – auch heute noch das größte Lokomotivwerk in Europa. In Kassel wurde schon zum Ende der Dampflokära die Schnellzuglokomotive E 10 entwickelt oder die erste Schnellfahrlokomotive der Baureihe E 03 an die Bundesbahn übergeben. In den früheren Henschelwerken wurde der ICE mitentwickelt und gebaut, aber auch der Transrapid. Aus der Lastwagensparte von Henschel entstand das Achswerk von Daimler. Aus Kassel kommen die Achsen für Mercedes-Lastwagen.

Keine hinreichende Forschung zum Thema

Den Auftakt des Sommers wurde im historischen Gießhaus des Werks mit einem Kolloquium zu „200 Jahre Henschel in Kassel“ gefeiert. Das Haus gehört heute zur Universität, die ihren Hauptcampus auf dem ehemaligen Henschelwerk am Möncheberg errichtet hat. Außerdem stehen dort noch ein alter Schornstein und einige Hallen. Die Fassaden der dazwischen angeordneten, überwiegend postmodernen Hochschulbauten sind im roten Klinker an die Industriearchitektur angepasst.

Jürgen Nautz, Universitätsprofessor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Wien, hat persönliche Bezüge zum Thema Henschel. Er „ärgerte“ sich, dass es in Kassel keine hinreichende Forschung zur Industrie- und Sozialgeschichte der Stadt gebe. Das Henschel-Jubiläum erschien ihm ein guter Anlass, die guten Vorsätze, die Geschichte aufzuarbeiten, in die Tat umzusetzen. Während der Vorbereitung des Symposiums erkannten Nautz und andere Henschel-Freunde, wie groß ihre Schar war. Unternehmen, Museen, Wissenschaftler und Kultureinrichtungen bereiteten sich unabhängig voneinander auf das Jubiläum vor. Nun führten sie ihre Aktivitäten unter Schirmherrschaft der hessischen Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) und des Kasseler Oberbürgermeisters Bertram Hilgen (SPD) zusammen.

Prozess der Umstrukturierung

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Henschel ist trotz des Rückzugs der Familie und der Zergliederung des Konzerns in den sechziger Jahren für den Wirtschaftshistoriker Nautz eine bis heute herausragende deutsche Industriegeschichte. Diese sei typisch für eine deutsche Industriellenfamilie. Allerdings sei es ungewöhnlich, dass ein Familienkonzern über sechs Generationen in Familienhand erfolgreich geführt worden sei. Ungewöhnlich und herausragend sei auch, dass die alten Henschel-Werke heute zwar unter anderen Namen, aber immer noch produzierten und mit dem Achs- oder Lokomotivbau technologisch an der Spitze von Weltunternehmen stehen.

Für Nautz haben die historischen Henschelwerke und mithin Kassel einen schwierigen Prozess der Umstrukturierung erfolgreich gestaltet. Das sei anderen Unternehmen – etwa im Rheinland oder im Ruhrgebiet – nicht gelungen. Hoch produktiv sei auch das Kolloquium zum Auftakt des Henschel-Sommers verlaufen. Jeder Vortrag habe Hinweise auf neue Forschungsfelder gebracht.

Auch Nazi-Zeit ist aufzuarbeiten

Zu untersuchen sei zum Beispiel die „Görgen-Affäre“. Fritz-Aurel Görgen hatte 1957 die Leitung der Henschel-Werke übernommen. 1964 wurden sie an die Rheinische Stahlwerke Essen verkauft. Gegen Görgen liefen strafrechtliche Ermittlungen. Er wurde aber schließlich frei gesprochen. Auch das Kriegsregime, der Einsatz von Zwangsarbeitern und das Betreiben eines eigenen Straflagers während der Zeit des Nationalsozialismus seien aufzuarbeiten.

Bemerkenswert sei die Produktentwicklung im Hause Henschel. Das Unternehmen habe viele Ideen aufgegriffen, weiter entwickelt und ihnen damit zum Markterfolg verholfen. Henschel tauge ferner als Beispiel für die Untersuchung des Bestehens eines Unternehmens mit allen speziellen Herausforderungen eines Familienbetriebs. Für letztere sei stets die Nachfolgeregelung schwierig. Wenn ein Familienbetrieb nicht an einem Nachfolger scheitere, gerate er später wegen der Refinanzierung in Schwierigkeiten. Dann wandle er sich in eine Aktiengesellschaft um und die Anteile werden verkauft.

Das Henschelmuseum an einem alten Fertigungsstandort des Unternehmens an der Wolfhager Straße in Kassel-Rothenditmold, in dem die Geschichte der Unternehmerfamilie ebenso dargestellt wird wie die Produkte des Werks, hat vom 28. Juli bis zum 5. September dienstags bis sonntags von 10 und 17 Uhr geöffnet.

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